Verblassende Erinnerungen

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Oder: Die Freiheit beginnt mit einem Abendessen.

1. Es wird Nacht. In den letzten Wochen herrschte große Aufregung. Ein Mann kam und stellte alles auf den Kopf. Du bist einfacher Arbeiter. Wie schon deine Eltern. Seit Generationen kennt ihr nichts anderes, als von Herren hin- und hergeschubst zu werden. Und Arbeit, Arbeit, Arbeit. Sehr wenig Freiheit. Und selbst mit dem bisschen Freiheit das du hast, kannst du inzwischen nicht mehr richtig umgehen. Denn du bist nicht nur einfacher ungelernter Steineschlepper. Eigentlich gibt es für euch schon lange keinen Unterschied mehr zu einem Sklaven.
Und da kommt Herr Mose. „Im Auftrag des Herrn unterwegs“. Im Auftrag des Gottes, dem dein Schicksal scheinbar viele Generationen lang total egal war. Du verstehst das alles nicht. Aber du siehst die Machtwirkungen Gottes durch Mose. Und morgen soll es nun endlich so weit sein. Der Auszug! Endlich Ägypten verlassen.
Du warst nie in deinem Leben so verwirrt wie im Moment. Zumindest hattest du bis vor kurzem noch Sicherheiten. Du wusstest, was der nächste Tag bringen würde. Was du essen, wo du schlafen würdest. Selbst die Repressalien waren in gewissen Maßen einschätzbar. Jetzt ist es zu Ende mit den Schlägen. Befreiung. Aber: Was wird der nächste Tag bringen? Was wird DIESE NACHT bringen?

2. Über Jahrhunderte haben deine Vorfahren die Erinnerung an dieses Ereignis gefeiert. Auch du warst schon dutzende Male dabei. Die Erinnerung an den Auszug aus der Sklaverei. Und irgendwann ist es dir aufgefallen. Deine Situation ist eigentlich gar nicht so anders: Du lebst solang du denken kannst unter der Fremdherrschaft der Römer. Jedes Jahr erinnerst du dich an Gottes Eingreifen. An die Befreiung deiner Vorfahren aus der Hand der Unterdrücker. Aber Gott scheint sich schon seit Generationen nicht mehr um dein Volk zu kümmern. Kein Mose. Kein versprochener Messias.
Dieses Fest soll die Hoffnung hochhalten. Die Gemeinschaft zusammen halten. Die Hoffnung auf den Mächtigeren. Auf den Befreier. Doch die letzten Jahre hast du dich durchaus dabei beobachtet wie das ganze Fest eigentlich nur noch Wiederholung ist. Nutzlose Routine?
Nein, natürlich nicht. Die Besinnung auf die Familie konnte schon gut tun. Und irgendwie hat es doch immer verbunden. Von den paar Familien-Streitigkeiten hinterher vor ein paar Jahren mal abgesehen…

3. Seit drei Jahren ziehst du nun mit diesem Jesus. Und du hast Wunder gesehen! Die Macht Gottes. Du bist dir sicher: Jesus ist der neue Moses. Er ist der Befreier. Der Messias. Triumphal bist du mit ihm in die Hauptstadt eingezogen. Und jetzt bist du hier und feierst mit ihm das Gedächtnismahl. Und alles in dir ist aufgeregt. Denn dieses Jahr ist es so weit. Die Befreiung steht vor der Tür. Und du bist dabei.
Aber auch du bist verwirrt. Was werden die nächsten Tage bringen? Und der Abend verläuft auch nicht unbedingt so, dass er verständlich ist. Jesus redet von Tod und Blut und Erinnerung.

4. Im Nachhinen verstehst du: Jesus hat dich, hat euch wirklich befreit. Er hat dich zu einem königliche Priester gemacht. Er hat dich in die Freiheit entlassen und dir Teilhabe an seinem Auftrag gegeben: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“
Und immer wieder erinnerst du dich daran. Im Kreise deiner neuen Familie. Was für ein genialer, liebevoller Herr. Was für ein Auftrag. Und jeder Tag ist eine Herausforderung. Du brauchst förmlich täglich die Gemeinschaft mit Gott und den Geschwistern. Der Grad an Freiheit und Verantwortung sind doch ganz anders als vorher. Und da sind Gegner. Mächtig und ohne Skrupel. Verfolgung ist real. Der Tod droht. Kann aber nicht mehr als den Körper zerstören.

5. (this paragraph intentionally left blank)

Max_Klinger,_Der_Befreite

Max Klinger: Der Befreite

6. Du gehst zum Abendmahl. Viele dutzende Male hast du es schon genau so gefeiert. Und manchmal hast du dich dabei ertappt, wie du dich gefragt hast, was das mit deinem konkreten Leben zu tun hat. Die neue Woche liegt vor dir. Morgen schon wirst du wieder weitgehend fremdbestimmt durch Chef, Kinder, Lehrer, Eltern, Kunden, usw. Die Belastung zehrt an deinen Nerven. Der Unfriede macht dich fertig. Und gleich sendet dich der Pfarrer aus: Geh in Frieden…. In die Freiheit. In die Verantwortung. In die Wüste.

7. Wie gut, dass du die kommende Woche bei einem gemeinsamen Abendessen mit deinen Geschwistern und Gott besprechen konntest. Wie gut, dass ihr euch dabei an die letzte Begegnung Jesu mit seinen Jüngern damals erinnern konntet. Wie gut zu hören: Du bist Jesus wertvoll. Er würde alles für dich tun. Er hat alles für dich getan. So real, wie das Brot, dass ihr esst. Was für ein Vorbild. Er ist den Weg vorausgegangen. Und er hat einen Bund mit uns geschlossen. Er ist dabei. Und während ihr euer Glas erhebt, wird dir klar: Ja, auch du bist Bündnispartner.

8. Und er wird wieder kommen. Vielleicht bist du es ja. Vielleicht ist es deine Generation, die diese letzte Befreiung miterlebt.

⇒Apostelgeschichte 2,46

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