1. Er hatte Hunger. Er wusste, er musste essen. Nicht, dass Brot knapp war. Im Gegenteil, das Angebot war überwältigend. Und wirklich leckere Brotsorten gab es. Aber es war immer dasselbe. So viele köstliche Brotsorten. Wenn da nicht diese Nebenwirkungen wären. Zu manchen Brotsorten hatte er schon so was wie eine Hassliebe entwickelt. Immer wieder musste er eine Scheibe davon essen. Und immer wieder krümmte er sich hinterher vor Schmerzen.

2. Es schellte. Ein älterer Herr stand vor der Tür und bot ihm Brot an. Brot ohne Nebenwirkungen. Lächerlich. Es gab schon lange kein unbelastetes Brot mehr. Er wusste nicht, ob er ärgerlich sein sollte. Es kam selten jemand vorbei. Der Mann sagte, er könne ja mal eine Scheibe probieren. Sie schmeckte wie eine dieser weniger belasteten Brotsorten. Weniger lecker. Irgendwie langweilig.

3. Die Magenschmerzen blieben aus. Und auch der Kopf blieb klar. Hätte er doch mehr von dem Brot dabehalten.farmers-bread-388647_1920

4. Endlich, der Mann kam wieder. Was das Brot kostet? „Gib mir von dem anderen Brot dafür“, sagte der Alte. Komische Bezahlung dachte er. Doch mit Freuden tauschte er das Brot des Alten gegen das eigene.

5. Der Mann kam öfters. Erstaunlicherweise immer genau an dem Tag, als das letzte Brot aufgebraucht war. Und jedes Mal, nahm er eines der schlechten Brote mit. Oft saßen sie gemeinsam in der Küche und redeten miteinander. So erfuhr unser Mann, dass der Alte das Brot selber buk. Was er mit dem schlechten Brot mache? Wegschmeißen. Er entsorge es an einer Stelle, wo es keiner mehr herausholen kann.

6. Bald waren sie nicht mehr zu zweit. Der Nachbar und ein Freund waren schnell überzeugt und die kleine Gruppe genoss jede Scheibe bei den gemeinsamen Treffen in der Küche.

7. Nicht lange danach kam der Alte mit Tüten und Taschen. Er sagte, er hätte kein Brot dabei. Aber sie könnten ja gemeinsam was backen. Begeistert ging man ans Werk. Und mit der Zeit konnten unsere Freunde wirklich gutes Brot backen. Er erklärte ihnen auch den Grund, warum dieses Brot OK war: „Es ist die Hefe. Nehmt immer nur diese Hefe hier.“ Und er brachte immer frische Hefe mit.

8. Immer mehr Leute kamen, um dieses Brot zu bekommen. Bald bauten sie eine Backstube mit Laden. Und viele, viele Leute wollten nicht nur Brot kaufen, sondern selber mithelfen Brot zu backen und gegen schlechtes Brot einzutauschen.

9. Keiner weiß so richtig wie es dann passiert ist. Vielleicht lag es daran, dass sie so Viele Brot backen wollten. Sie warteten nicht mehr auf die Hefe des Alten. Sondern sie verringerten den Hefeanteil. Und als sie Probleme hatten, den Bedarf zu decken waren sie dankbar, wenn Andere kamen und Hefe mitbrachten, die man dazu mischen konnte. Die Nebenwirkungen hielten sich in Grenzen.

10. Der alte Mann kam immer seltener und schließlich sah ihn niemand mehr. Keiner hat es so richtig wahrgenommen. Die Backstube und der Laden waren auch inzwischen sehr groß. Aber alle waren ihm so dankbar, dass er sie das Backen gelehrt hatte. Ein Bild von ihm hing an der Wand.

11. Es war schon ein wenig beunruhigend, aber schließlich nicht mehr zu leugnen. Immer mehr Leute klagten über Magenschmerzen nach Verzehr des Brotes. Die Kundschaft blieb aus. Der Verdacht lag nahe: Leute schienen mit dem wenig süßen Brot nicht zufrieden zu sein und aßen auch schlechtes Brot. Gemein, dass sie dies leugneten und die Schuld dem guten Brot des Alten gaben. Dem musste ein Riegel vorgeschoben werden. Manchen wurde verboten gutes Brot zu essen. Oder mit zu backen. Aber als das nichts half suchten sie die Backstube ab. Reinlichkeit wurde sehr wichtig. Überall wurden Schilder aufgestellt „Hände waschen“, „Nase putzen verboten“ und „Hier Zutritt nur mit weißem Kittel“.

12. Schließlich war der Laden nur noch wenige Stunden am Sonntagmorgen geöffnet. Kunden kamen schon lange nicht mehr. Hin und wieder Bäckergesellen die mit ihrer Backstube unzufrieden waren. Und da eigentlich keine Kunden kamen beschäftigte man sich mit Vorträgen über Reinlichkeit in der Backstube oder tauschte Rezepte aus.

13. Morgen ist eine besondere Besprechung. Schon lange werden ihre sonntäglichen Zusammenkünfte durch ein Geräusch gestört. Ein Pochen. Nicht laut. Aber immer wieder. Es gibt zwei Lager. Die einen meinen, die Verantwortlichen sollten doch nachschauen, wer da denn klopft und es verbieten. Die Verantwortlichen sagen, dass sie unmöglich während der Vorträge fehlen dürfen. Deshalb werden sie morgen die Anschaffung einer Schallschutztür besprechen.

14. Offenbarung 3 Vers 20

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