Die persönliche Gottesbeziehung als theologisches Leitmotiv

von Derek Flood1

Beziehungen gehören zum Kern des Menschen. Seien es Shakespeare-Dramen oder die aktuellen Top Ten Chart Hits – annähernd alle künstlerischen Betätigungen thematisieren Be­ziehungen: Lieder über gewonnene und zerronnene Liebe, Geschichten über unsere tiefsten Sehnsüchte und schlimmsten Tragödien. Zerstörte Beziehungen verwüsten einzelne Herzen, ganze Familien oder Gesellschaften. Sie sind die Ursache unserer härtesten menschlichen Kämpfe. Sie sind die Quelle größt­möglicher Freude und Schmerz. Für Beziehungen sind wir bereit zu töten und zu sterben. Sie sind das, wonach wir uns am meisten sehnen und was uns nachts den Schlaf raubt. Durch Beziehungen finden wir heraus, wer wir sind, und was im Leben wirklich wichtig ist.

Beziehung ist das Herzstück des christlichen Glaubens, was auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der Mensch für Beziehungen geschaffen wurde. Jesus identifiziert die zentrale Botschaft des Gesetzes und der Propheten über Be­ziehungen:

„Liebe den Herrn, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ Dies ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm gleich: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ All das Gesetz und die Propheten hängen an diesen beiden Geboten. (Matth. 22,36-40)

Sei es Liebe, sei es Hass, Beziehungen sind die Grundlage der größten Sünden und der höchsten moralischen Tugenden. Mitgefühl, Hingabe, Vergebung, Vertrauen … Verrat, Mord, Ehebruch, Rache. Alles ist in Beziehungen verwurzelt. Sie sind das Zentrum von Ethik und Anbetung. In der christlichen Geschichte waren Beziehungen immer der Herzschlag eines lebendigen Glaubens. Wir finden sie in der schmerzlichen Prosa der „Bekenntnisse“ von Augustinus, in den intimen Visionen in Juliana von Norwichs „Offenbarungen der göttlichen Liebe“ und in den ergreifenden Harmonien von John Newtons „Amazing Grace“. Sie füllen die Seiten von Gesangbüchern und die Regale christlicher Buchhandlungen.

Allgemein ist es in christlichen Kreisen sehr verbreitet, über eine Beziehung mit Gott zu reden. Man spricht gerne über „die Notwendigkeit einer persönlichen Beziehung mit Jesus Christus“ und betont, dass „es beim Christentum um Beziehungen und nicht um Religion geht“. Die grundlegende Bedeutung von Beziehung wird uns nicht nur durch das biblische Zeugnis bestätigt, sondern entspricht auch unseren gängigen Vorstellungen. Weil Be­ziehungen ein so zentrales Thema unseres Lebens und auch der Schrift ist, kann man sich kaum einen fruchtbareren Boden für theologische Betrachtungen vorstellen. Aber gerade weil es uns so einfach erscheint, besteht auch die Gefahr, dass dies zu Floskeln führt oder zu guter PR reduziert wird. Das Konzept der persönlichen Beziehung muss aus der Welt der unreflektierten Slogans herausgebracht und mit Verstand und Tiefe erforscht werden, damit es konsequenten Einfluss auf unser evangelikales Denken und Handeln hat.

Im Laufe seiner 2000-jährigen Geschichte hat es stets zwei parallele Bewegungen innerhalb des christlichen Glaubens gegeben. Auf der einen Seite finden wir in Hingabe- und Erneuerungs­bewegungen wie Mystik und Pietismus einen Schwerpunkt auf einer lebendigen und intimen Beziehung mit Gott (was Wesley „Herzens­religion“ nennen würde). Auf der anderen Seite finden wir intellektuelle, theologisch fokussierte Bemühungen, in denen versucht wird, die Rand­bedingungen der „Rechtgläubigkeit“ zu finden. Beispielhaft sei hier das Konzil von Nicäa erwähnt. Dies sind die beiden Seiten der Medaille – ein lebendiger Glaube und biblische Recht­gläubigkeit – die schon immer den Kern des „Evangelikalen“ ausgemacht haben. Stanley Grenz, dem ich viele Ideen in diesem Artikel zu verdanken habe, umschreibt dies in seinem Buch „Revisioning Evangelical Theology“ mit einer lebendigen Beziehung mit Gott, welche in einem biblischen Verständnis „eingebettet“ (engl. „cradled in“) ist. Mit anderen Worten, unsere persönliche Erlösungsgeschichte ist eingebettet in die größere Geschichte des Gottes, der in Jesus zu uns kommt. Evangelikal zu sein umfasst natürlich noch mehr, aber bestimmt nicht weniger als das.

Hin und wieder haben sich diese beiden Grundsätze im Konflikt zueinander befunden. Auf der einen Seite waren jene mit dem Schwerpunkt auf der Bedeutung von „Recht­gläubigkeit“. Auf der anderen Seite diejenigen mit dem Fokus auf einer lebendigen Beziehung mit Gott und was es bedeutet „wiedergeboren“ zu sein. Heutzutage besteht die Tendenz die Bibel-orientierte Seite dieser Münze als „kalt“, dogmatisch und gesetzlich zu charakterisieren. Folglich beschreiben sich viele Menschen als „geistlich, aber nicht religiös“ und platzieren sich damit auf der „Beziehungsseite“ des Zauns. Entgegen diesem kulturellen Trend möchte ich nahe legen, dass wir für einen gesunden Glauben beide Seiten brauchen, und dass der Verzicht auf einen dieser beiden Aspekte tödlich ist. Wie Paulus es ausdrückte: „Lehre ohne Liebe ist eine lärmende Pauke“. Aber wenn Liebe von ihrem biblischen Kontext getrennt wird, bleibt nicht viel mehr als Betrachtungen über die ver­kommenen Werte unserer Kultur.

So wurde zum Beispiel kritisiert, dass der Begriff „persönliche Beziehung“ zu sehr den in­dividuellen Aspekt des Glaubens betont. Es spiegele eher die individualistischen, romanti­sierenden und Konsum-orientierten Haltungen unserer Kultur wieder, als den biblischen Begriff der Liebe, der stets „nächsten-orientiert“ ist. Dies macht deutlich, was passiert, wenn man Beziehung von ihrem biblischen Kontext trennt. Wir spiegeln lediglich unser kulturell bedingtes selbst-bezogenes Verständnis von Beziehungen wider. Es ist entscheidend, dass eine Beziehungs­theologie in einem biblischen Verständnis von Beziehungen verwurzelt ist, dass das Herz und Denken Jesu widerspiegelt. Erlösung beginnt persönlich und intim durch unsere Adoption in die Familie Gottes. Aber es darf kein kurz­sichtiger, selbst-zentrierter Glaube bleiben. Je mehr wir uns der liebenden Gemeinschaft mit Jesus aussetzen, werden wir auch sein Herz und sein Mitleid für die Verlorenen, Verdammten, für die Sünder bekommen. Unsere persönliche Beziehung mit Gott beginnt individuell, doch zeigt sie bald Früchte echter persönlicher Verbundenheit, die in alle unsere Beziehungen ein­fließt. Angefangen mit dem sich Kümmern um die Geringsten, bis hin zur Feindesliebe.

Die Idee einer persönlichen Beziehung mit Gott sollte nicht als privatisierter Glaube verstanden werden. Ein beziehungorientierter Glaube ist per Definition sozial. Wie es Johannes unmiss­verständlich dargelegt, betrügen wir uns selbst, wenn wir meinen, Gott lieben zu können, ohne unseren Bruder zu lieben. Wir können nicht behaupten, dass wir Gott lieben, wenn wir die um uns herum nicht lieben. Traditionell haben Menschen immer entweder zu der einen oder der anderen Seite tendiert: Entweder sie leben eine innige, sehr nach innen gerichtete Beziehung mit Gott und verschließen sich den Bedürfnissen der Welt um sie herum. Oder sie leben einen Glauben, der sich um die Armen und Geringen kümmert, bezüglich Gott jedoch gleichgültig und leblos ist. Als Beziehungswesen brauchen wir aber beide Aspekte, den persönlichen und den sozialen, um völlig wir selbst zu sein. Wesley drückte es so aus: „Es gibt keine Heiligkeit außer sozialer Heiligkeit“. Unsere Definition von „Heilig sein“ bedeutet eben nicht „getrennt von“ sondern „in radikaler Solidarität mit“ den Armen, den Geringen, den Unreinen und den Sündern zu leben und sich zu deren Befreiung aufopfernd einzusetzen. Jesus hat es uns vorgemacht: Das Zeichen der Heiligkeit ist Liebe.

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