Eine evangelikale Beziehungstheologie

Beziehung als Leitmotiv

Woran müßte man rechte Lehre im Beziehungs-Kontext erkennen? Zu aller erst sicher an den Früchten. Wie der deutsche Pietist Jakob Spener in seiner „Pia Desideria“ lehrte, ist es wenigstens ebenso sündhaft, theologische Kontroversen ohne einen Geist der Nächstenliebe und Gnade auszutragen, als der Lehrfehler selbst.1 Schon sehr früh in der Kirchengeschichte zeichneten sich Lehr-Dispute durch den aggressiven und antagonistischen Stil der griechischen philo­sophischen Debatte aus, und nicht durch den Geist der Gnade. Wir müssen uns darum kümmern, Herzen zu gewinnen, und nicht Diskussionen. Der Beziehungs-Fokus bedingt, dass wir der Liebe einen höhere Priorität als „Rechtgläubigkeit“ geben, und Gerechtigkeit über das „Rechthaben“ stellen müssen.Ein Beziehungs-Glaube achtet mehr auf Beziehungen und Menschen, als darauf „richtig“ zu sein. Gemäß der Schrift entspricht eine Theologie ohne Liebe nicht der Wahrheit, denn es ist nicht möglich, Liebe von Wahrheit zu trennen. Trenne den Kopf vom Körper und der Körper stirbt. Ist es nicht liebevoll, kann es nicht wahr sein. Deshalb muss das Leitmotiv aller theologischen Aktivitäten eines sein, welches Beziehungen als absolut zentral ansieht.

Der Begriff „Leitmotiv“ hat seinen Ursprung in der Musik und bezeichnet dort ein wieder­kehrendes, charakteristisches Klanggebilde, welches in ein Musikstück „hineingewoben“ ist, und oft mit einem besonderen Charakter oder Idee assoziiert wird. In ähnlicher Weise sprich Irenäus von Christus als dem „roten Faden“, der sich durch die ganze Schrift zieht. Theologisch möchte ich mit diesem Begriff das übergreifende und immer wiederkehrende führende Thema im Handlungsstrang des göttlichen Dramas be­zeich­nen. Dieses Motiv oder dominante Thema liefert den interpretativen Rahmen, welchen wir zum Verständnis von Theologie und Lehre benötigen. In diesem Sinne ist „Beziehung“ das Rückgrat, welches den ganzen Körper zusammenhält oder das feste Fundament, auf dem das Gedanken­gebäude stabil steht. Von da aus können wir unser Verständnis verfeinern und weitere Metaphern und Ideen einbeziehen. Denn auch ein Körper besteht nicht nur aus einer Wirbelsäule, und ein Haus nicht nur aus dem Fundament. Wir sollten uns nicht auf die Beziehungs-Sprache beschränken, aber sie bildet das Herz von allem Reden über Gott. Die Beziehungs-Sprache pumpt das Leben. Ohne sie stirbt der Körper. Beziehung ist nicht nur das Ziel von Theologie, es ist auch das Leitmotiv, also das zentrale führende Kon­zept und das interpretative Rahmenwerk, durch das alle Lehre und Schrift verstanden werden muss. Dies wird vielleicht am besten an Hand einiger Beispiele deutlich.

Rechtfertigung / Heiligung. Nehmen wir zum Beispiel die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben, wie sie im Römerbrief dargelegt ist. In der Tradition der Reformation wurde die Erlösung in einem juristischen Rahmenwerk verstanden. In diesem gesetzlichen Zusammen­hang stellt „Rechtfertigung“ den „Freispruch“ dar, dem sich der Prozess der Heiligung (innere Veränderung) anschließt. „Rechtfertigung“ wird also in gesetzlichem Rahmenwerk verstanden, während „Heiligung“ mehr beziehungsorientiert ist. Schließlich hat es mit innerer Heilung zu tun. Arthur Walkington Pink, ein klassischer Befürworter dieser Sicht schreibt in „Doctrine of Sanctification“

Rechtfertigung betrachtet ihr Objekt in einem juristischen Sinn und führt zu einer Veränderung in unserem Verhältnis [dem Gesetz gegenüber]: Eine Überführung, weg von einer Bestrafung, hin zu einem Recht auf Belohnung. Heiligung hingegen betrifft moralische Aspekte und führt zu wahr­nehmbaren Charakter- und Ver­haltens­änderungen. Es liefert eine Liebe zu Gott, eine Fähigkeit zur rechten An­betung und ein Geeignetsein für den Himmel.

Nun sehen wir, dass eine Dichotomie entsteht, in der Rechtfertigung als juristischer Begriff verstanden wird, während Heiligung im Sinn einer Beziehung verstanden wird. Dies führt zu einer künstlichen Trennung zwischen den beiden Begriffen. Infolgedessen wird Rechtfertigung als rechtlicher Freispruch dargestellt, unabhängig von unserem Leben und Gottes Wirken in uns. Ein weitaus besseres Paradigma zum Verständnis ist der Beziehungs-Kontext. Rechtfertigung ist dann „richtig(=recht) gefertigt“ und beinhaltet eine Veränderung, einen Positionswechsel: An die „richtige“ Stelle gesetzt. Heraus aus der Dunkelheit, hinein in Gottes Familie2 In diesen Beziehungskontext bedeutet Rechtfertigung eine Änderung der Persönlichkeit und der Zugehörigkeit. Wir sind nicht länger Sklaven der Sünde, sondern befreit aus einer entfremdeten Identität und gehören nun zu Gott. Als Folge erwächst „Heiligung“ ganz natürlich aus der „Rechtfertigung“, aus dieser neuen Identität, durch das Wachstum unserer Liebe. In einem Beziehungskontext passt Paulus‘ Konzept der Rechtfertigung aus Gnade viel besser in den Gesamtzusammenhang seiner Briefe und seiner Terminologie. In einem juristischen Verständnis werden die Begriffe schnell verwirrend und problematisch.

Sünde wird in einem juristischen Kontext schnell zu Verfehlung/Übertretung/Verstoß. In einem Beziehungskontext führt der Begriff Sünde zu einem viel tieferen Verständnis von der „Schwerkraft“ der Sünde, die uns zur Ent­fremdung und Trennung vom Leben führt. Im Beziehungskontext hat auch der Begriff „Sünde“ mit „Identität“ zu tun: Wem gehören wir? Äußeres Fehlverhalten und selbst-zerstörerisches Handeln sind in Wirklichkeit nur Symptome eines von Gott entfremdeten Lebens. Im Beziehungskontext wird Sünde als Trennung verstanden. Und es wird deutlich, dass die Lösung nicht in Gesetz und Tat, sondern in einer geheilten Beziehung besteht.

Der Mensch. Wir Menschen sind für Beziehungen gemacht und ohne Beziehungen können wir nicht Mensch sein. Wir haben eine beziehungsorientierte Persönlichkeit, ein soziales Selbst. Als Kleinkind beginnen wir das Leben selbst-zentriert. Durch Lieben und Geliebt werden erkennen wir uns bald als Beziehungs-Wesen. Die Liebe unserer Eltern formt unser Selbstbild. Unsere ganze Identität basiert auf Beziehungen. Dies äußert sich nicht nur in unserem fundamentalen Bedürfnis geliebt zu werden, sondern auch in unserem Bedürfnis andere zu lieben, aus unserer ent­mensch­lichen­den Autonomie auszubrechen und zu einer Wir-Orientierung statt einer Ich-Orientierung zu gelangen. Die Ich-Orientierung, ob sie sich nun in Unsicherheit und Selbstverachtung oder Stolz und Selbstsucht äußert, ist die Wurzel aller Sünde und verursacht unsere Beziehungsunfähigkeit. Sünde trennt uns von unserer Beziehungs-Identität, indem sie uns zur Selbstzentriertheit oder Selbstverachtung führt. Von Sünde geheilt werden äußert sich folglich nicht einfach in einer Änderung unserer Handlungen, sondern ist eine viel tiefere Veränderung unserer Persönlichkeit. Diese Veränderung führt uns weg von der Autonomie und hin zu einer wiederhergestellten beziehungsfähigen Persönlichkeit. Nach dem Bilde Gottes sind wir dann wirklich Mensch, wenn wir lieben.

Glaube wird oft in einem wissenschaftlichen Kontext definiert; als das Überzeugt-sein von etwas, für das man keine Beweise hat. Damit kann Glaube die Charakteristik einer magischen Kraft annehmen, die wir mit reiner Willenskraft heraufbeschwören. Wenn wir genug davon haben, können wir Berge versetzen. In einem Beziehungskontext geht es bei Glaube einfach um Vertrauen. An Gott glauben ist nicht nur das Bejahen einer Tatsache, sondern das sich hinein-geben in eine vertrauensvolle Beziehung. Das gleiche gilt für Erkenntnis. Im biblischen Zusammenhang ist Erkenntnis nicht „verstandesmäßige Gewissheit“ sondern „Be­ziehungs-Gewissheit“ – das innige Vertrauen in die Sicherheit und Verlässlichkeit einer Beziehung. Die Wahrheit zu kennen bedeutet nicht in Besitz von unabhängigen absoluten Wissen zu sein, sondern ist ein Ausdruck des Vertrauens, dass uns „die Wahrheit“ kennt. Letztendlich geht es viel mehr darum, die Wahrheit zu kennen (durch eine Beziehung), und nicht bloß, um die Wahrheit zu wissen.

Werke. Wieder-geboren-Sein beinhaltet die Abkehr von einem selbst-zentrierten, von Gott getrennten Dasein, hin zu einer neuen Schöpfung, in der unser Selbst mit Gott versöhnt und in seine Familie hinein adoptiert ist. Diese neue Identität ändert das Verständnis von „Werken“: Außerhalb einer Beziehung mit Gott sind wir selbst-zentriert, und Werke haben den Zweck der Selbst-Rechtfertigung. Wir versuchen Gottes Liebe zu verdienen. Aber Liebe kann man nicht kaufen. Sie wird geschenkt. Definiert sich unsere Identität durch unsere Beziehung mit Christus, geht es bei Werken nicht mehr um Selbst-Rechtfertigung, sondern um soziale Ge­rechtigkeit, um Agape-Liebe. Die Werke Jesu dienten nicht ihm selbst, sondern anderen. Gerechtigkeit für andere war die zentrale Aus­sage seiner Guten Nachricht an die Armen. Auch wir, weil wir geliebt sind, lieben Gott, uns selbst und andere.

Wahrheit. Jesus sagte „Ich bin der Weg, das Leben, die Wahrheit.“ Wahrheit ist keine abstrakte, statische Tatsache, sondern eine lebende Person. Wahrheit ist beziehungs­orientiert. Nach Jesu Aussage ist die Wahrheit auch der Weg und das Leben. Wahrheit ist der Weg in dem Sinne, dass sie interaktiv und verschreibend ist (wie ein Arztrezept). So sagt Jesus zu einer Person „Geh nach Hause“ (Mt 9,5f) und zu einer anderen „Verlasse dein Haus“ (Mt. 8,21f). Die Wahrheit spricht beziehungs­orientiert und „verschreibt“ persönlich hinein in unser Leben, um uns zu erklären, was der nächste Schritt auf unserem Weg ist. Die Wahrheit bringt uns Leben. Wir können etwas sachlich Richtiges sagen, aber wenn es ohne Liebe gesagt wird, wenn es einer Person Tod bringt, dann ist es keine Wahrheit. Die Wahrheit befreit, erlöst, heilt, liebt und schafft Leben in der Dunkelheit. Die Wahrheit kann schmerzhaft sein. Aber bei Jesus können wir sehen, dass es in einem Beziehungs-Kontext keinen Widerspruch zwischen Wahrheit und Liebe gibt. Jesus ist die Wahrheit (Joh. 14,6) und er ist Liebe (1.Joh. 4,8). Leben wird hier nicht im biologischen, sondern in einem Beziehungs-Kontext verstanden. Es geht um die Teilhabe an dem überfließenden Leben Gottes. Auch „der Weg“ ist persönlich und beziehungs­orientiert. Wir folgen keinem starren Pfad oder einer unpersönlichen Philosophie, sondern folgen Jesus, der uns durch Beziehung führt.

Evangelium. Bei Evangelisation geht es um die Versöhnung mit und Wiederherstellung einer Beziehung mit Gott. Es geht also weniger um die Übermittlung von Informationen, als darum, Menschen mit Jesus zusammen zu bringen. Folglich ist die beste Art das Evangelium weiter zu geben, in Beziehung: Das Evangelium wird am besten ausgedrückt, nicht durch unsere bloßen Worte, sondern dadurch, wie wir anderen gegenüber Christus widerspiegeln, und wie wir Gnade in unserem Leben demonstrieren. Wie es in einem alten Lied heißt: „sie werden uns als Christen durch unsere Liebe erkennen“. Wir sind die Bibel, die sie lesen. Was wir kommunizieren und wie wir es weitergeben, bei beidem geht es um Beziehung. Das bedeutet natürlich nicht den Verzicht auf Predigt und Lehre, aber es versetzt diese Dinge in den Kontext: Wir vermitteln die Wahrheit durch unsere Beziehungen zu anderen, damit sie ihr Herz für eine Beziehung mit Gott öffnen. Beziehungsorientierte Evangelisation beschränkt sich nicht auf die individuelle Errettung, sondern adressiert auch die größeren sozialen Zusammenhänge. Jesus tat dies durch seine Gute Nachricht für die Armen.

Der Dienst Jesu bestand nicht nur aus Sündenvergebung, sondern umfasste alle Aspekte unseres Mensch-seins: Physische (Heilung der Kranken), mentale (Austreiben von Dämonen), moralische (Sündenvergebung), und soziale (sich kümmern um die Armen und Geringsten) Aspekte. Genauso müssen wir das Evangelium verstehen, als eine Hinwendung zu Menschen, sowohl als Individuen, wie auch als Menschen innerhalb der Gesellschaft um ihre ganze Identität in Christus zu adressieren. Das Evangelium ist genau wie wir, zur gleichen Zeit persönlich und gesellschaftlich. Deshalb ist ein beziehungsorientiertes Verständnis von Evangeli­sation nicht allein die Beschäftigung mit der persönlichen Errettung, sondern beinhaltet auch die Erlösung in einem größeren, gesellschaft­lichen und sozialen Zusammenhang – die Er­lösung der gesamten Schöpfung.

Vorherbestimmung. Als Menschen sind wir zu einer Beziehung mit Gott vorherbestimmt. Dafür wurden wir geschaffen. Ebenso sollte der Begriff der Auserwählung in Sinn von Beziehung verstanden werden. Als ein Zeichen der Liebe Gottes. Wir sind Gottes begehrte, ausgesuchte, umworbene Braut. Im Beziehungs-Kontext liest sich Römer 8 dann wie folgt: Weil er uns von Mutterleib an gebildet hat, kennt Gott uns bis in unser Innerstes (vorher erkannt). Er hat uns dazu bestimmt, zu ihm zu kommen – durch Jesus – und in sein Bild geformt zu werden (vorherbestimmt), und so hat uns Gott gerufen und zieht uns durch Gnade (berufen). Gott macht uns „richtig“ indem wir aus unserer Entfremdung herausgenommen und in Beziehung gesetzt werden (gerechtfertigt). Und durch diese Beziehung sind wir verherrlicht. Es geht also bei der Vorherbestimmung nicht um das Voraussagen oder die Festlegung unserer Zukunft, sondern um Gottes liebevolle Absicht, indem er uns für Beziehung geschaffen hat, und um die intime und persönliche Kenntnis seiner geliebten Schöpfung.

Gott. Letztlich bedeutet Allmacht, dass wir Gott vertrauen können. Es bedeutet nicht, dass nichts Schlimmes passieren kann und auch nicht, dass Gott pedantische Kontrolle ausübt. Es bedeutet einfach, dass auch wenn wir in dieser Welt Schwierigkeiten haben, wir darauf vertrauen können, dass Gott größer als unsere Dunkelheit ist. Gottes Allwissenheit bedeutet, dass Gott uns durch und durch kennt. Er kennt unsere Herzen besser als wir selbst. Allgegenwart bedeutet, dass Gott da ist, mit uns, in uns, näher als nah. Es bedeutet, dass wir niemals alleine sind. Wie es der Psalmist ausruft: „Wohin soll ich gehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“

Göttlichkeit Christi. Bei der Menschwerdung geht es um Gottes Selbstoffenbarung seines Wunsches eine Beziehung zu uns zu haben. Es geht um persönliche Selbstöffnung, mit dem Ziel uns in Beziehung zu bringen. Es macht deutlich, dass Gott mit uns ist, in unsren Zweifeln, Leiden und sogar unserem Boshaftigkeit (od. Elend?). Gott ist mit uns, Immanuel.

Dreieinigkeit. Jemand bezeichnete das Thema Dreieinigkeit als so komplex und heikel, dass man sich der Gefahr der Häresie aussetze, wenn man auch nur zwei Minuten darüber spräche. Der Hauptaspekt der Dreieinigkeit ist Beziehung. Sie verdeutlicht, dass liebende Beziehung ein inhärenter Aspekt der Gottheit ist. Beziehung ist Teil von Gottes Natur. Die Dreieinigkeit beschreibt auch wie Gott hauptsächlich mit uns Menschen in Beziehung tritt, als Vater, Sohn und Geist. Es geht bei der Dreieinigkeit nicht um eine komplexe mathematische Formel – eine Art göttlicher pythagoräischer Lehrsatz – sondern um die Erkenntnis, dass sich alles um Beziehungen dreht. – Das Wesen Gottes und wie Gott mit uns in Beziehung tritt.

Die gesamte Schrift aus dem Blickwinkel einer Theologie der Beziehung zu beleuchten, wäre eine große Aufgabe. Aber ich hoffe, dass schon die obigen kleinen Skizzen als Katalysator für weitere Nachforschungen dienen. Egal ob in der Bibel die Sprache des Gerichtshofs (Recht­fertigung), des Sklavenmarkt (Befreiung) oder auch der Botanik („am Weinstock bleiben“) genutzt wird, im Kern geht es immer um Beziehungen.

Beziehung ist das Leitmotiv, durch das alle Schrift und Lehre verstanden werden sollte.

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