Nach zehn Jahren

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Sind wir noch brauchbar?

Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind durch Erfahrung mißtrauisch gegen die Menschen geworden und mußten ihnen die Wahrheit und das freie Wort oft schuldig bleiben, wir sind durch unerträgliche Konflikte mürbe oder vielleicht sogar zynisch geworden – sind wir noch brauchbar? Nicht Genies, nicht Zyniker, nicht Menschenverächter, nicht raffinierte Taktiker, sondern schlichte, einfache, gerade Menschen werden wir brauchen. Wird unsere innere Widerstandskraft gegen das uns Aufgezwungene stark genug und unsere Aufrichtigkeit gegen uns selbst schonungslos genug geblieben sein, daß wir den Weg zur Schlichtheit und Geradheit wiederfinden?

Aus dem Vorwort von Eberhard Bethge

Den Briefteilen und den Arbeiten aus der Zelle vorangestellt ist eine Aufzeichnung »Nach zehn Jahren«, die Bonhoeffer an der Wende 1942 zu 1943 geschrieben und wenigen Freunden als Weihnachtsgeschenk zugedacht hatte. Damals waren schon Warnungen, vor allem an Hans von Dohnanyi, ergangen, daß das Reichssicherheitshauptamt auf Verhaftung dränge und Material zur Unterlage sammle. Zwischen Dachziegeln und Sparren hat dieses Schriftstück Haussuchungen und Bomben überstanden: Ein Zeugnis von dem Geist, in dem man damals gehandelt und dann auch gelitten hat.
Im August 1951
Eberhard Bethge

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