Roger Schutz: Anerkennung einer Autorität

aus: Roger Schutz: Das Heute Gottes

In einer monastischen Gemeinschaft entspricht der Grundsatz der Autorität der praktischen Notwendig­keit der Einheit.

„Ohne Einheit im Geist gibt es keine Hoffnung, dass wir Jesus Christus kühn und ohne Vorbehalt dienen können. Der Individualismus zersetzt die Gemeinschaft und hält sie auf ihrem Weg auf“ (Regel von Taize).

Gewiss wäre es das Ideale, Entscheidungen nur ein­mütig zu treffen. Aber der Idealismus ist kein Begriff des Evangeliums. Wenn man, ehe man weitergeht, warten wollte, bis alle derselben Meinung sind, bliebe die Gemeinschaft auf demselben Fleck stehen. Es ist aber eine Tatsache im Leben: Man muss immer weitergehen. Wenn man stehenbleiben will, geht man in Wirklichkeit zurück.

Wäre aber, wenn es sich darum handelt, eine ge­meinsame Entscheidung zu treffen, nicht der Mehrheitsbeschluss die beste Methode? Auf jeden Fall sind Zweifel anzumelden, wenn eine Methode aus dem Bereich der menschlichen Gesellschaft auf die Ebene der Kirche übertragen werden soll. Das hieße, dass der Wille des Herrn sich in 51 Prozent der Stimmen ausdrücken müsste. In einer Bruderschaft würde eine solche Methode fast sofort der Quertreiberei und der Demagogie Raum geben.

Im Raum der Kirche eine Entscheidung treffen heißt Gottes Spur nachgehen und alle Christen auf einem praktischen Weg zum Dienst mit sich fort­ziehen. Die Autorität in einer Bruderschaft kann nur christozentrisch sein. Sie bedeutet für den, dem diese Verantwortung übertragen worden ist, dass er sich, ehe er die praktische Entscheidung trifft, darum be­müht, Gottes Plan zu erkennen. Es versteht sich von selber, dass alle an diesem Forschen nach Gottes Plan teilnehmen:

der Bruderrat, dem alle angehören, die ihr Verpflichtungsversprechen abgelegt haben, „sucht den Weg der Gemeinschaft so umfassend wie möglich im Lichte Christi zu sehen. Der erste Schritt besteht also darin, dass man in sich selbst still wird und sich damit bereit macht, seinen Herrn zu hören. Nichts ist dem Geist der Beratung mehr entgegen als eine Bemühung, die nicht vom einzigen Wunsch, Gottes Plan zu erkennen, geläutert wäre. Wenn es einen Augenblick gibt, wo du den Frieden suchen und ihm nachjagen musst, wo du Streitigkeiten und die Ver­suchung, recht haben zu wollen, fliehen musst, dann ist es bestimmt im Bruderrat. Vermeide den Ton, der keine Widerrede zulässt, die kategorischen „unbedingt“. Trage nicht einen Haufen guter Argumente zusam­men, um dich selbst zu Gehör zu bringen. Setze in wenigen Worten auseinander, was dir Gottes Plan am meisten zu entsprechen scheint, ohne dir dabei einzubilden, du könnest es den andern aufzwingen. Damit dem Geist des gegenseitigen Sich-Überbietens nicht Vorschub geleistet wird, hat der Prior vor sei­nem Herrn die Aufgabe, die Entscheidung zu treffen, ohne dass er dabei durch eine Mehrheit gebunden wäre. Frei von menschlichem Zwang hört er den Schüchternsten Bruder mit derselben Aufmerksamkeit wie den, der seiner selbst sicher ist. Wenn er sich klar wird, dass in einer wichtigen Frage kein tiefes gegen­seitiges Einverständnis erzielt ist, soll er sein Urteil zurückstellen und, damit die Gemeinschaft nicht stehenbleibt, eine vorläufige Entscheidung treffen; er ist dann frei, später noch einmal darauf zurückzu­kommen. Denn Unbeweglichkeit ist für die Brüder, die auf Christus zu unterwegs sind, Ungehorsam“ (Regel von Taize).

Die Aufgabe des Priors ist es also, die andern zu Christus zu ziehen, dem Weg der Gemeinschaft auf Christus zu so viel Kontinuität wie möglich zu geben und die Gemeinschaft vor inneren Spaltungen zu be­wahren, denn der Zerspalter ist immer da und sucht Krisensituationen, um zu trennen, was eins sein soll. Auch da keine falsche Vergeistigung! Wenn die Ein­heit nicht sichtbar ist, wenn sie nicht in die Augen springt, kann man nicht mehr von geistiger Einheit sprechen.

Sobald man von der Aufgabe spricht, die einem Menschen im Bereich der Leitung der Kirche über­geben ist, muss man zugleich auch die entgegen­gesetzte Seite, seine schweren Verantwortlichkeiten, bedenken:

„Die Entscheidungen zu treffen ist für den Prior eine sehr schwere Aufgabe. In dieser Lei­tung der Seelen soll er wachsam sein, dass er nicht den ganzen Leib knechtet, sondern in Christus auf­erbaut. Er soll die jedem Bruder im Besonderen eige­nen Gaben zu erkennen suchen, damit er ihm helfen kann, sie zu entdecken. Er soll seine Aufgabe nicht als ranghöher ansehen, soll sie aber auch nicht in einer falschen Bescheidenheit auf sich nehmen, son­dern sich allein vor Augen halten, dass sie ihm von Christus anvertraut ist, dem er einmal darüber Rechenschaft geben muss. Er soll jeden Autoritarismus in sich zerschlagen, aber er soll sein Amt auch ohne Schwachheit ausüben, um seine Brüder in Got­tes Plan zu erhalten. Er soll nicht zulassen, dass sich die Herrschsüchtigen durchsetzen, und soll im Schwachen das Vertrauen wecken. Er soll sich mit Barmherzigkeit wappnen und sie als die für ihn wichtigste Gnade von Christus erbitten“ (Regel von Taize).

Auf Grund welchen Rechtes greift ein Mann in eine Gemeinschaft ein? Durch die Autorität des Wortes Gottes. Der Herr der Kirche macht sein Wort hör­bar, indem er es durch den Mund des Menschen sagen lässt. Er gewährt die dazu nötigen Gaben, zu denen die Unterscheidung der Geister gehört. In sich selbst hat das menschliche Wort keine Autorität. Es bekommt sie nur von Gott.

Daher ist der, der das Wort Gottes verkündigen muss, in einer furchtbaren Lage. Oft würde er seinen Herrn, der ihn zwingt, mit voller Autorität zu sprechen, lieber zurückweisen. Mischt sich die Sünde des Menschen nicht in sein Wort? Das ist eine schwer­wiegende Frage, die eine dauernde Wachsamkeit er­fordert. Wer sich darin übt, weiß, dass seine Autori­tät nur im Geist des Gebets wahrhaftig ist; sie setzt die Selbstentäußerung voraus, damit er mit denen, die ihm anvertraut sind, suchen kann, den höchsten Willen zu verwirklichen. Wie soll man ermahnen, wie wiederaufrichten, wenn man nicht selbst eine lebendige Predigt über die Selbstverleugnung ist? Verständnislosigkeit, schwere Enttäuschungen, Ver­lassenheiten jeder Art, das sind die Kreuze, die der geduldig tragen muss, der in der Kirche die Autorität ausübt, und er muss diese Schule der Demut an­nehmen.

Wie soll man ohne Selbstverleugnung objektiv ur­teilen? Empfindlichkeit und Eigenliebe, die sich un­aufhörlich getroffen fühlen, müssen begraben wer­den, damit der Platz ganz dem Urteil Gottes ein­geräumt werden kann. Dann wird dem menschlichen Wort, das sich in der Gemeinschaft bemüht, wieder zusammenzubringen, was getrennt ist, wahrhafte Autorität geschenkt. Wenn es einmal ein sehr festes Wort ist, wenn es seine Zuflucht zum Gesetz nehmen muss, wird das niemals mit dem Ziel geschehen, sich die Aufgabe zu erleichtern, sondern in der Traurig­keit darüber, dass man einem Menschen, der sich wei­gert, sich unter die Gnade zu stellen, den höchsten Willen nicht anders verständlich machen kann.
Autorität ist keineswegs menschlicher Zwang, be­deutet nicht, dass man den eigenen Willen aufdrängt. Sie kann nicht an die Stelle irgendeiner Art von Ge­wissen gesetzt werden, ihre Rolle ist, an den Willen Christi zu erinnern. Wer diese Aufgabe übernommen hat, muss auf der Hut sein gegen den geheimen Ehrgeiz, der unmerklich dazu führt, dass man die Seelen beherrschen und sich ihrer bemächtigen will, den Ehrgeiz, der unendlich gefährlicher ist als der der Fürsten der Welt, die über die materiellen Güter und über die Leiber herrschen. Die Rolle dieser Autorität ist es, abzunehmen, damit Christus in denen wachsen kann, die ihr anvertraut sind.

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