Eine evangelikale Beziehungstheologie

Die persönliche Gottesbeziehung als theologisches Leitmotiv

von Derek Flood1

Beziehungen gehören zum Kern des Menschen. Seien es Shakespeare-Dramen oder die aktuellen Top Ten Chart Hits – annähernd alle künstlerischen Betätigungen thematisieren Be­ziehungen: Lieder über gewonnene und zerronnene Liebe, Geschichten über unsere tiefsten Sehnsüchte und schlimmsten Tragödien. Zerstörte Beziehungen verwüsten einzelne Herzen, ganze Familien oder Gesellschaften. Sie sind die Ursache unserer härtesten menschlichen Kämpfe. Sie sind die Quelle größt­möglicher Freude und Schmerz. Für Beziehungen sind wir bereit zu töten und zu sterben. Sie sind das, wonach wir uns am meisten sehnen und was uns nachts den Schlaf raubt. Durch Beziehungen finden wir heraus, wer wir sind, und was im Leben wirklich wichtig ist.

Beziehung ist das Herzstück des christlichen Glaubens, was auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass der Mensch für Beziehungen geschaffen wurde. Jesus identifiziert die zentrale Botschaft des Gesetzes und der Propheten über Be­ziehungen:

„Liebe den Herrn, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ Dies ist das erste und größte Gebot. Und das zweite ist ihm gleich: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ All das Gesetz und die Propheten hängen an diesen beiden Geboten. (Matth. 22,36-40)

Sei es Liebe, sei es Hass, Beziehungen sind die Grundlage der größten Sünden und der höchsten moralischen Tugenden. Mitgefühl, Hingabe, Vergebung, Vertrauen … Verrat, Mord, Ehebruch, Rache. Alles ist in Beziehungen verwurzelt. Sie sind das Zentrum von Ethik und Anbetung. In der christlichen Geschichte waren Beziehungen immer der Herzschlag eines lebendigen Glaubens. Wir finden sie in der schmerzlichen Prosa der „Bekenntnisse“ von Augustinus, in den intimen Visionen in Juliana von Norwichs „Offenbarungen der göttlichen Liebe“ und in den ergreifenden Harmonien von John Newtons „Amazing Grace“. Sie füllen die Seiten von Gesangbüchern und die Regale christlicher Buchhandlungen.

Allgemein ist es in christlichen Kreisen sehr verbreitet, über eine Beziehung mit Gott zu reden. Man spricht gerne über „die Notwendigkeit einer persönlichen Beziehung mit Jesus Christus“ und betont, dass „es beim Christentum um Beziehungen und nicht um Religion geht“. Die grundlegende Bedeutung von Beziehung wird uns nicht nur durch das biblische Zeugnis bestätigt, sondern entspricht auch unseren gängigen Vorstellungen. Weil Be­ziehungen ein so zentrales Thema unseres Lebens und auch der Schrift ist, kann man sich kaum einen fruchtbareren Boden für theologische Betrachtungen vorstellen. Aber gerade weil es uns so einfach erscheint, besteht auch die Gefahr, dass dies zu Floskeln führt oder zu guter PR reduziert wird. Das Konzept der persönlichen Beziehung muss aus der Welt der unreflektierten Slogans herausgebracht und mit Verstand und Tiefe erforscht werden, damit es konsequenten Einfluss auf unser evangelikales Denken und Handeln hat.

Im Laufe seiner 2000-jährigen Geschichte hat es stets zwei parallele Bewegungen innerhalb des christlichen Glaubens gegeben. Auf der einen Seite finden wir in Hingabe- und Erneuerungs­bewegungen wie Mystik und Pietismus einen Schwerpunkt auf einer lebendigen und intimen Beziehung mit Gott (was Wesley „Herzens­religion“ nennen würde). Auf der anderen Seite finden wir intellektuelle, theologisch fokussierte Bemühungen, in denen versucht wird, die Rand­bedingungen der „Rechtgläubigkeit“ zu finden. Beispielhaft sei hier das Konzil von Nicäa erwähnt. Dies sind die beiden Seiten der Medaille – ein lebendiger Glaube und biblische Recht­gläubigkeit – die schon immer den Kern des „Evangelikalen“ ausgemacht haben. Stanley Grenz, dem ich viele Ideen in diesem Artikel zu verdanken habe, umschreibt dies in seinem Buch „Revisioning Evangelical Theology“ mit einer lebendigen Beziehung mit Gott, welche in einem biblischen Verständnis „eingebettet“ (engl. „cradled in“) ist. Mit anderen Worten, unsere persönliche Erlösungsgeschichte ist eingebettet in die größere Geschichte des Gottes, der in Jesus zu uns kommt. Evangelikal zu sein umfasst natürlich noch mehr, aber bestimmt nicht weniger als das.

Hin und wieder haben sich diese beiden Grundsätze im Konflikt zueinander befunden. Auf der einen Seite waren jene mit dem Schwerpunkt auf der Bedeutung von „Recht­gläubigkeit“. Auf der anderen Seite diejenigen mit dem Fokus auf einer lebendigen Beziehung mit Gott und was es bedeutet „wiedergeboren“ zu sein. Heutzutage besteht die Tendenz die Bibel-orientierte Seite dieser Münze als „kalt“, dogmatisch und gesetzlich zu charakterisieren. Folglich beschreiben sich viele Menschen als „geistlich, aber nicht religiös“ und platzieren sich damit auf der „Beziehungsseite“ des Zauns. Entgegen diesem kulturellen Trend möchte ich nahe legen, dass wir für einen gesunden Glauben beide Seiten brauchen, und dass der Verzicht auf einen dieser beiden Aspekte tödlich ist. Wie Paulus es ausdrückte: „Lehre ohne Liebe ist eine lärmende Pauke“. Aber wenn Liebe von ihrem biblischen Kontext getrennt wird, bleibt nicht viel mehr als Betrachtungen über die ver­kommenen Werte unserer Kultur.

So wurde zum Beispiel kritisiert, dass der Begriff „persönliche Beziehung“ zu sehr den in­dividuellen Aspekt des Glaubens betont. Es spiegele eher die individualistischen, romanti­sierenden und Konsum-orientierten Haltungen unserer Kultur wieder, als den biblischen Begriff der Liebe, der stets „nächsten-orientiert“ ist. Dies macht deutlich, was passiert, wenn man Beziehung von ihrem biblischen Kontext trennt. Wir spiegeln lediglich unser kulturell bedingtes selbst-bezogenes Verständnis von Beziehungen wider. Es ist entscheidend, dass eine Beziehungs­theologie in einem biblischen Verständnis von Beziehungen verwurzelt ist, dass das Herz und Denken Jesu widerspiegelt. Erlösung beginnt persönlich und intim durch unsere Adoption in die Familie Gottes. Aber es darf kein kurz­sichtiger, selbst-zentrierter Glaube bleiben. Je mehr wir uns der liebenden Gemeinschaft mit Jesus aussetzen, werden wir auch sein Herz und sein Mitleid für die Verlorenen, Verdammten, für die Sünder bekommen. Unsere persönliche Beziehung mit Gott beginnt individuell, doch zeigt sie bald Früchte echter persönlicher Verbundenheit, die in alle unsere Beziehungen ein­fließt. Angefangen mit dem sich Kümmern um die Geringsten, bis hin zur Feindesliebe.

Die Idee einer persönlichen Beziehung mit Gott sollte nicht als privatisierter Glaube verstanden werden. Ein beziehungorientierter Glaube ist per Definition sozial. Wie es Johannes unmiss­verständlich dargelegt, betrügen wir uns selbst, wenn wir meinen, Gott lieben zu können, ohne unseren Bruder zu lieben. Wir können nicht behaupten, dass wir Gott lieben, wenn wir die um uns herum nicht lieben. Traditionell haben Menschen immer entweder zu der einen oder der anderen Seite tendiert: Entweder sie leben eine innige, sehr nach innen gerichtete Beziehung mit Gott und verschließen sich den Bedürfnissen der Welt um sie herum. Oder sie leben einen Glauben, der sich um die Armen und Geringen kümmert, bezüglich Gott jedoch gleichgültig und leblos ist. Als Beziehungswesen brauchen wir aber beide Aspekte, den persönlichen und den sozialen, um völlig wir selbst zu sein. Wesley drückte es so aus: „Es gibt keine Heiligkeit außer sozialer Heiligkeit“. Unsere Definition von „Heilig sein“ bedeutet eben nicht „getrennt von“ sondern „in radikaler Solidarität mit“ den Armen, den Geringen, den Unreinen und den Sündern zu leben und sich zu deren Befreiung aufopfernd einzusetzen. Jesus hat es uns vorgemacht: Das Zeichen der Heiligkeit ist Liebe.

Was ist Wahrheit ?

Wenn ein lebendiger Glaube und biblische Recht­gläubigkeit die zwei Säulen darstellen, was hat das für einen Einfluss auf unsere Suche nach der endgültigen Wahrheit? Was sind die Grundlagen einer evangelikalen Beziehungs­theologie?

Das Evangelium erzählt die Geschichte von Gott, der in Jesus unter uns Menschen gelebt hat und wie die Jünger durch diese Beziehung das Leben gefunden haben. Sie wurden Zeugen dieser Geschichte, dieser guten Nachricht, damit auch wir dem gleichen lebenden Christus begegnen können. Der Apostel Johannes schreibt:

Das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben… was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, auf dass ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. (1.Joh1,2-3)

Martin Luther sagte, dass die Bibel die Krippe ist, in der man Christus findet. Ohne die Krippe wird man Christus nicht finden. Aber man darf das Christkind nicht mit der Krippe verwechseln. Wir lieben die Bibel, weil wir Jesus in ihr finden. Aber wir haben keine Beziehung zu einem Buch, sondern zu dem lebendigen Wort, Jesus Christus. Die Bibel ist die Beziehungs-orientierte Selbst-Offenbarung Gottes und nicht in erster Linie eine Sammlung von Sachinformationen und Lehr­aussagen über Gott. Das primäre Ziel ist vielmehr eine Begegnung mit Jesus, die uns zu einer lebendigen, heilenden und verändernden Be­ziehung mit Gott führt. Die Schrift ist kein Selbstzweck, sondern weist uns genau darauf hin.

Die Lehr-Aussagen in der Bibel dienen alle dem Zweck der Beziehung. Wir werden über Gottes Charakter informiert, und wie unsere Beziehung zu Gott aussieht. Deshalb ist die Bibel voll von Wahrheiten, die uns alle zu einer lebendigen Beziehung führen sollen. Welchen Einfluss hat es auf die Bedeutung der Schrift, wenn wir Beziehungen als das zentrale Thema des Christen­tums definieren? In der Bibel begegnen wir dem Leben und der Botschaft von Jesus, der persönlichen Offenbarung der Liebe Gottes zu uns. Die Schrift ist normativ, weil sie uns zeigt, wie Beziehungen aussehen sollen. Sie zeigt uns, wie wir in einer dunklen Welt mit den Augen der Hoffnung, des Glaubens und der Barmherzigkeit sehen können. Sie zeigt uns, wie wir uns und andere mit den Augen Jesu sehen können, der sein Leben für die Geringsten gab. Sie formt unser Denken über uns, unsere Welt und unsere Vorstellungen über Beziehungen.

Es ist wichtig zu betonen, dass Beziehungs­theologie nicht eine Theologie der individuellen oder gemeinschaftlichen Erfahrungen ist. Auch wenn uns unsere Erfahrung auf die objektive Realität Gottes verweist, würde ein Ansatz, der auf menschlicher Erfahrung basiert zurecht als subjektiv kritisiert werden, weil er letztendlich die Wahrheit in der menschlichen Wahrnehmung sucht. Beziehung fängt bei Gott an, der sich uns selbst offenbart. Anstatt mit subjektiver menschlicher Erfahrung beginnt Beziehungs-Theologie mit objektiver göttlicher Selbst­offenbarung. Gemäß dem Wesley’schen Viereck (Schrift, Vernunft, Tradition, Erfahrung) liefert die Bibel die hermeneutische Linse, mit Hilfe derer wir unsere Erfahrung verstehen können. Sie liefert uns den größeren Zusammenhang in dem wir unsere Geschichte als Teil dieser größeren verstehen. Die Schrift bildet den Anfangspunkt jeglicher Tradition. Sie schützt uns vor den Gefahren einer rein weltlichen Vernunft indem sie uns zu der göttlichen Weisheit vom Kreuz führt, die auf den ersten Blick als unvernünftig erscheinen kann (1. Kor. 1,18-25). Vernunft, die aus gefallenen und subjektiven menschlichen Annahmen erwächst, kann uns nicht zu Gott führen, denn unser Denken ist genauso in Sünde gefangen wie unsere Erfahrungen. Erst durch die göttliche Selbstoffenbarung in Jesus Christus können wir lernen den „Sinn Christi“ zu haben – vorausgesetzt wir bleiben in dieser Beziehung. Dies beinhaltet so unübliche und un-intuitive Vorstellungen wie „Leben finden, wenn wir es verlieren“ und „der Größte ist ein Sklave“.

Bezugnehmend auf das Wesley’sche Viereck ist die Schrift auch deswegen vorrangig, weil sie unsere Erfahrungen informiert, unser Denken formt und die Quelle aller Tradition und aller steter Reformation ist. Ganz gemäß dem Motto der Reformation: „ecclesia reformata, semper reformanda secundum verbum Dei“ (Die reformierte Kirche muss stets gemäß Gottes Wort reformiert werden). Die Schrift ist also das Fundament. Aber das Fundament von was? Welches Gebäude wollen wir auf diesem Fundament errichten? Das Ziel biblischer Theologie ist nicht die Aufrichtung eines Lehrgebäudes, sondern sie dient zur Befähigung von Christus-ähnlichen Beziehungen. Und die Mittel dazu sind Gottes Offenbarungen über sich selbst, wie wir sie in der Bibel finden.

Wenn wir also den Kern des Christentums als Beziehung verstehen, dann besteht die Rolle der Theologie darin, der Gemeinde dabei zu dienen, die Beziehung zu Gott und anderen auszuleben. Die Aufgabe der Bibel als Herzstück des Vierecks ist es nicht, abstrakte Lehrformeln zu definieren, sondern den Inhalt unseres Denkens und unserer Erfahrung zu formen, und die Richtung vorzugeben, in die sich unsere Tradition entwickelt. Kurz, das Ziel der Schrift ist die Hinführung zu einer Beziehung mit Jesus Christus, Gottes Selbst-Offenbarung.

Obwohl die Schrift eine zentrale Rolle bei all dem spielt, hat sie auch eine dienende Rolle, die uns in eine Beziehung führen soll. Die Schrift ist vorrangig, sie ist der Ober-Diener, der uns zu Christus führt. Ihre Vorrangigkeit besteht nicht darin, dass sie uns zur Stütze unseres Glaubens eine auf menschlicher Grundlage gebildeten Wissensbasis der absoluten Realität definiert. Vielmehr besteht ihre Vorrangigkeit darin, dass sie uns zu einer Begegnung mit demjenigen, der uns absolute Realität ist, führt. Nicht ein Lehrgebäude ist die Grundlage, sondern Jesus Christus. Dies zu unter­scheiden ist wichtig, denn unser Glaube basiert nicht auf einem statischen Buch, sondern gründet auf der lebendigen Realität des Herrn Jesus, die in diesem Buch bezeugt wird. Jesus sagte nicht „Ich habe die Wahrheit“ sondern „Ich bin die Wahrheit (Joh. 14,6). Jesus ist die lebendige Wahrheit, die die Seiten der Bibel lebendig macht.

Es geht nicht so sehr darum unseren Glauben auf zeitlose Wahrheiten zurückzuführen, als vielmehr um die Entdeckung einer Beziehung mit der lebendigen Wahrheit in der Person Jesu Christi. Die zeitlosen Wahrheiten, die wir in der Schrift finden, können uns helfen uns zu dieser richtigen Beziehung zu führen, aber ihr Ziel und Fokus ist diese erlebte Beziehung. Der Sinn des Vierecks liegt also nicht darin, Grundkriterien zur Ableitung von Wahrheiten zu geben, unabhängig von Gott. Es ist vielmehr ein Hilfsmittel, durch das wir hören können, was Gott uns persönlich sagen will. Durch diese Beziehung können wir in unserem Leben Gottes Gnade erfahren, das Wesen Jesu ausbilden, und unsere Christus-Ähnlichkeit in der Gemeinschaft des Glaubens ausleben.

Alles ist relativ

Das Wesley‘ sche Viereck beginnt mit den beiden Säulen der katholischen Kirche – Schrift und Tradition – und fügt die zwei akzeptierten methodologischen Kriterien der Aufklärung hinzu: Verstand und Erfahrung. (Erfahrung bedeutet hier sowohl, im Sinne der Aufklärung, empirische Evidenz, was Wesley’s Begriff des „erfahrbaren Glaubens“ entspricht, aber auch die persönliche Erfahrung eines lebendigen Glaubens, was er „Herzensreligion“ nennt.) Hier erkennen wir den kulturellen Hintergrund in dem Wesley lebte. Er wollte einerseits seinem katholischen Glauben treu bleiben, gleichzeitig aber die neuen Möglichkeiten und Einsichten der Moderne einbeziehen. Aus heutiger, post­moderner Sicht müssen wir sein Viereck deutlich weniger optimistisch bewerten als Wesley. Nicht nur weil wir die Fehlbarkeit von Tradition und mächtigen Strömungen wie die Aufklärung vor Augen haben, sondern auch die Subjektivität und kulturelle Voreingenommenheit von Denken und Erfahrung. Und auch die Bibel ist – genauso wie die drei anderen Punkte – als fehlbares menschliches Dokument angegriffen worden.

Deshalb versuchten Fundamentalisten die Unfehlbarkeit der Bibel zu beweisen. Aber selbst wenn wir von der Annahme einer fehlerfreien und unfehlbaren Bibel ausgehen, wird dieser Ansatz doch sehr schnell irrelevant und akademisch, wenn man berücksichtigt, dass die Texte aus anderen Sprachen und Kulturen übersetzt wurden und von Menschen gelesen werden, die ihrerseits nicht irrtumsfrei sind und Fehlern unterliegen. Es gibt einfach zu viele Möglichkeiten des Missverstehens. Selbst wenn die Bibel also unfehlbar ist (wovon ich ausgehe) – wir sind es nicht. Dies führt uns geradewegs zu dem Bewusstsein unserer eigenen Fehlbarkeit und der daraus resultierenden Notwendigkeit einer vertrauensvollen Beziehung zu „dem einen Absoluten“. Weil unsere eigenen Grundlagen scheitern, bleibt uns nur noch Jesus Christus als die Grundlage, die wir nicht fassen können und die nicht von uns stammt. Letztendlich kann eine Bejahung der Unfehlbarkeit der Bibel keine Aussage über menschen-basierte Sicherheiten sein, sondern ist eine Aussage über ein auf Gott basierendes Vertrauen. Das Vertrauen, dass Gott trotz unserer Begrenztheit in der Lage ist, die Schrift zu bewahren und dazu zu nutzen, Wahrheiten in unser Leben zu sprechen und uns darüber hinaus, Gottes Herz und seinen Willen zu einer Beziehung zu uns offen zu legen.

Eine Theologie der Beziehungen versteht die Schrift nicht als eine Quelle von unabhängig von Gott verstehbaren absoluten Wahrheiten; viel­mehr vermittelt sie uns eine Begegnung mit der absoluten Wahrheit: dem Beziehungs-Gott. Und das mitten in unseren Begrenzungen und unserer Fehlbarkeit als subjektive Menschen. Selbst­verständlich haben wir ein verlässliches Fundament. Nicht, weil wir in Besitz der Wahr­heit sind, sondern weil die Wahrheit uns besitzt. Diese Sicherheit in Abhängigkeit bewahrt us vor Überheblichkeit und Anmaßung. Gerade wegen unserer Fehlbarkeit können wir kein Monopol auf die Wahrheit beanspruchen. Aber die Wahrheit kann ein Monopol auf uns beanspruchen, wenn wir unser Leben dem öffnen, der die Wahrheit ist. Und sogar die Bibel bestätigt uns, dass wir fehlbare Menschen sind, die sich irren können. Aber unser Glaube hängt nicht an perfekten Formulierungen und ist nicht abhängig von irgend etwas was wir tun könnten. Sondern es ist Gott, der uns hält, selbst in unserer Schwachheit und Abhängigkeit. Wahrheit ist nicht Etwas, was wir überheblich besitzen, sondern Jemand, den wir demütig suchen.

Schon Karl Barth betonte dadurch, dass er Christus zur Voraussetzung von jeglichen Schriftvertändniss machte, dass Gott durch die Schrift nicht nur initial („von Gott eingehaucht“), sondern auch beziehungsorientiert, durch Erleuchtung (Gott bläst Leben in die Seiten und offenbart unseren Herzen die Wahrheit) interagiert. Die Fehlerfreiheit und Irrtums­losigkeit der Schrift gründet sich also nicht so sehr auf den Text selbst, sondern in der Fähigkeit des Geistes uns, trotz unserer Grenzen und Sündhaftigkeit, die Wahrheit durch den Text verlässlich zu vermitteln. Unsere Grundlage ist also Christus, Gottes ewiger Logos, das Wort, das schon existierte, als noch nicht ein einziges Wort geschrieben war, und auf den alle Schrift hinweist. Wir sehen also, dass die Wahrheit nicht abstrakt und statisch, sondern persönlich und lebendig ist. Wir erkennen die Wahrheit durch eine lebendige, aktive und abhängige Beziehung zu der Wahrheit: Jesus. Das Wort Gottes finden wir nicht in den statischen Fakten eines Buches, sondern in dem Rema-Wort Gottes, welches Leben in die Seiten bläst und so zu einer heiligen Sache, einem Sakrament für uns wird, in welchem wir dem lebenden Gott begegnen.

Beziehung als Leitmotiv

Woran müßte man rechte Lehre im Beziehungs-Kontext erkennen? Zu aller erst sicher an den Früchten. Wie der deutsche Pietist Jakob Spener in seiner „Pia Desideria“ lehrte, ist es wenigstens ebenso sündhaft, theologische Kontroversen ohne einen Geist der Nächstenliebe und Gnade auszutragen, als der Lehrfehler selbst.2 Schon sehr früh in der Kirchengeschichte zeichneten sich Lehr-Dispute durch den aggressiven und antagonistischen Stil der griechischen philo­sophischen Debatte aus, und nicht durch den Geist der Gnade. Wir müssen uns darum kümmern, Herzen zu gewinnen, und nicht Diskussionen. Der Beziehungs-Fokus bedingt, dass wir der Liebe einen höhere Priorität als „Rechtgläubigkeit“ geben, und Gerechtigkeit über das „Rechthaben“ stellen müssen.Ein Beziehungs-Glaube achtet mehr auf Beziehungen und Menschen, als darauf „richtig“ zu sein. Gemäß der Schrift entspricht eine Theologie ohne Liebe nicht der Wahrheit, denn es ist nicht möglich, Liebe von Wahrheit zu trennen. Trenne den Kopf vom Körper und der Körper stirbt. Ist es nicht liebevoll, kann es nicht wahr sein. Deshalb muss das Leitmotiv aller theologischen Aktivitäten eines sein, welches Beziehungen als absolut zentral ansieht.

Der Begriff „Leitmotiv“ hat seinen Ursprung in der Musik und bezeichnet dort ein wieder­kehrendes, charakteristisches Klanggebilde, welches in ein Musikstück „hineingewoben“ ist, und oft mit einem besonderen Charakter oder Idee assoziiert wird. In ähnlicher Weise sprich Irenäus von Christus als dem „roten Faden“, der sich durch die ganze Schrift zieht. Theologisch möchte ich mit diesem Begriff das übergreifende und immer wiederkehrende führende Thema im Handlungsstrang des göttlichen Dramas be­zeich­nen. Dieses Motiv oder dominante Thema liefert den interpretativen Rahmen, welchen wir zum Verständnis von Theologie und Lehre benötigen. In diesem Sinne ist „Beziehung“ das Rückgrat, welches den ganzen Körper zusammenhält oder das feste Fundament, auf dem das Gedanken­gebäude stabil steht. Von da aus können wir unser Verständnis verfeinern und weitere Metaphern und Ideen einbeziehen. Denn auch ein Körper besteht nicht nur aus einer Wirbelsäule, und ein Haus nicht nur aus dem Fundament. Wir sollten uns nicht auf die Beziehungs-Sprache beschränken, aber sie bildet das Herz von allem Reden über Gott. Die Beziehungs-Sprache pumpt das Leben. Ohne sie stirbt der Körper. Beziehung ist nicht nur das Ziel von Theologie, es ist auch das Leitmotiv, also das zentrale führende Kon­zept und das interpretative Rahmenwerk, durch das alle Lehre und Schrift verstanden werden muss. Dies wird vielleicht am besten an Hand einiger Beispiele deutlich.

Rechtfertigung / Heiligung. Nehmen wir zum Beispiel die Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben, wie sie im Römerbrief dargelegt ist. In der Tradition der Reformation wurde die Erlösung in einem juristischen Rahmenwerk verstanden. In diesem gesetzlichen Zusammen­hang stellt „Rechtfertigung“ den „Freispruch“ dar, dem sich der Prozess der Heiligung (innere Veränderung) anschließt. „Rechtfertigung“ wird also in gesetzlichem Rahmenwerk verstanden, während „Heiligung“ mehr beziehungsorientiert ist. Schließlich hat es mit innerer Heilung zu tun. Arthur Walkington Pink, ein klassischer Befürworter dieser Sicht schreibt in „Doctrine of Sanctification“

Rechtfertigung betrachtet ihr Objekt in einem juristischen Sinn und führt zu einer Veränderung in unserem Verhältnis [dem Gesetz gegenüber]: Eine Überführung, weg von einer Bestrafung, hin zu einem Recht auf Belohnung. Heiligung hingegen betrifft moralische Aspekte und führt zu wahr­nehmbaren Charakter- und Ver­haltens­änderungen. Es liefert eine Liebe zu Gott, eine Fähigkeit zur rechten An­betung und ein Geeignetsein für den Himmel.

Nun sehen wir, dass eine Dichotomie entsteht, in der Rechtfertigung als juristischer Begriff verstanden wird, während Heiligung im Sinn einer Beziehung verstanden wird. Dies führt zu einer künstlichen Trennung zwischen den beiden Begriffen. Infolgedessen wird Rechtfertigung als rechtlicher Freispruch dargestellt, unabhängig von unserem Leben und Gottes Wirken in uns. Ein weitaus besseres Paradigma zum Verständnis ist der Beziehungs-Kontext. Rechtfertigung ist dann „richtig(=recht) gefertigt“ und beinhaltet eine Veränderung, einen Positionswechsel: An die „richtige“ Stelle gesetzt. Heraus aus der Dunkelheit, hinein in Gottes Familie3 In diesen Beziehungskontext bedeutet Rechtfertigung eine Änderung der Persönlichkeit und der Zugehörigkeit. Wir sind nicht länger Sklaven der Sünde, sondern befreit aus einer entfremdeten Identität und gehören nun zu Gott. Als Folge erwächst „Heiligung“ ganz natürlich aus der „Rechtfertigung“, aus dieser neuen Identität, durch das Wachstum unserer Liebe. In einem Beziehungskontext passt Paulus‘ Konzept der Rechtfertigung aus Gnade viel besser in den Gesamtzusammenhang seiner Briefe und seiner Terminologie. In einem juristischen Verständnis werden die Begriffe schnell verwirrend und problematisch.

Sünde wird in einem juristischen Kontext schnell zu Verfehlung/Übertretung/Verstoß. In einem Beziehungskontext führt der Begriff Sünde zu einem viel tieferen Verständnis von der „Schwerkraft“ der Sünde, die uns zur Ent­fremdung und Trennung vom Leben führt. Im Beziehungskontext hat auch der Begriff „Sünde“ mit „Identität“ zu tun: Wem gehören wir? Äußeres Fehlverhalten und selbst-zerstörerisches Handeln sind in Wirklichkeit nur Symptome eines von Gott entfremdeten Lebens. Im Beziehungskontext wird Sünde als Trennung verstanden. Und es wird deutlich, dass die Lösung nicht in Gesetz und Tat, sondern in einer geheilten Beziehung besteht.

Der Mensch. Wir Menschen sind für Beziehungen gemacht und ohne Beziehungen können wir nicht Mensch sein. Wir haben eine beziehungsorientierte Persönlichkeit, ein soziales Selbst. Als Kleinkind beginnen wir das Leben selbst-zentriert. Durch Lieben und Geliebt werden erkennen wir uns bald als Beziehungs-Wesen. Die Liebe unserer Eltern formt unser Selbstbild. Unsere ganze Identität basiert auf Beziehungen. Dies äußert sich nicht nur in unserem fundamentalen Bedürfnis geliebt zu werden, sondern auch in unserem Bedürfnis andere zu lieben, aus unserer ent­mensch­lichen­den Autonomie auszubrechen und zu einer Wir-Orientierung statt einer Ich-Orientierung zu gelangen. Die Ich-Orientierung, ob sie sich nun in Unsicherheit und Selbstverachtung oder Stolz und Selbstsucht äußert, ist die Wurzel aller Sünde und verursacht unsere Beziehungsunfähigkeit. Sünde trennt uns von unserer Beziehungs-Identität, indem sie uns zur Selbstzentriertheit oder Selbstverachtung führt. Von Sünde geheilt werden äußert sich folglich nicht einfach in einer Änderung unserer Handlungen, sondern ist eine viel tiefere Veränderung unserer Persönlichkeit. Diese Veränderung führt uns weg von der Autonomie und hin zu einer wiederhergestellten beziehungsfähigen Persönlichkeit. Nach dem Bilde Gottes sind wir dann wirklich Mensch, wenn wir lieben.

Glaube wird oft in einem wissenschaftlichen Kontext definiert; als das Überzeugt-sein von etwas, für das man keine Beweise hat. Damit kann Glaube die Charakteristik einer magischen Kraft annehmen, die wir mit reiner Willenskraft heraufbeschwören. Wenn wir genug davon haben, können wir Berge versetzen. In einem Beziehungskontext geht es bei Glaube einfach um Vertrauen. An Gott glauben ist nicht nur das Bejahen einer Tatsache, sondern das sich hinein-geben in eine vertrauensvolle Beziehung. Das gleiche gilt für Erkenntnis. Im biblischen Zusammenhang ist Erkenntnis nicht „verstandesmäßige Gewissheit“ sondern „Be­ziehungs-Gewissheit“ – das innige Vertrauen in die Sicherheit und Verlässlichkeit einer Beziehung. Die Wahrheit zu kennen bedeutet nicht in Besitz von unabhängigen absoluten Wissen zu sein, sondern ist ein Ausdruck des Vertrauens, dass uns „die Wahrheit“ kennt. Letztendlich geht es viel mehr darum, die Wahrheit zu kennen (durch eine Beziehung), und nicht bloß, um die Wahrheit zu wissen.

Werke. Wieder-geboren-Sein beinhaltet die Abkehr von einem selbst-zentrierten, von Gott getrennten Dasein, hin zu einer neuen Schöpfung, in der unser Selbst mit Gott versöhnt und in seine Familie hinein adoptiert ist. Diese neue Identität ändert das Verständnis von „Werken“: Außerhalb einer Beziehung mit Gott sind wir selbst-zentriert, und Werke haben den Zweck der Selbst-Rechtfertigung. Wir versuchen Gottes Liebe zu verdienen. Aber Liebe kann man nicht kaufen. Sie wird geschenkt. Definiert sich unsere Identität durch unsere Beziehung mit Christus, geht es bei Werken nicht mehr um Selbst-Rechtfertigung, sondern um soziale Ge­rechtigkeit, um Agape-Liebe. Die Werke Jesu dienten nicht ihm selbst, sondern anderen. Gerechtigkeit für andere war die zentrale Aus­sage seiner Guten Nachricht an die Armen. Auch wir, weil wir geliebt sind, lieben Gott, uns selbst und andere.

Wahrheit. Jesus sagte „Ich bin der Weg, das Leben, die Wahrheit.“ Wahrheit ist keine abstrakte, statische Tatsache, sondern eine lebende Person. Wahrheit ist beziehungs­orientiert. Nach Jesu Aussage ist die Wahrheit auch der Weg und das Leben. Wahrheit ist der Weg in dem Sinne, dass sie interaktiv und verschreibend ist (wie ein Arztrezept). So sagt Jesus zu einer Person „Geh nach Hause“ (Mt 9,5f) und zu einer anderen „Verlasse dein Haus“ (Mt. 8,21f). Die Wahrheit spricht beziehungs­orientiert und „verschreibt“ persönlich hinein in unser Leben, um uns zu erklären, was der nächste Schritt auf unserem Weg ist. Die Wahrheit bringt uns Leben. Wir können etwas sachlich Richtiges sagen, aber wenn es ohne Liebe gesagt wird, wenn es einer Person Tod bringt, dann ist es keine Wahrheit. Die Wahrheit befreit, erlöst, heilt, liebt und schafft Leben in der Dunkelheit. Die Wahrheit kann schmerzhaft sein. Aber bei Jesus können wir sehen, dass es in einem Beziehungs-Kontext keinen Widerspruch zwischen Wahrheit und Liebe gibt. Jesus ist die Wahrheit (Joh. 14,6) und er ist Liebe (1.Joh. 4,8). Leben wird hier nicht im biologischen, sondern in einem Beziehungs-Kontext verstanden. Es geht um die Teilhabe an dem überfließenden Leben Gottes. Auch „der Weg“ ist persönlich und beziehungs­orientiert. Wir folgen keinem starren Pfad oder einer unpersönlichen Philosophie, sondern folgen Jesus, der uns durch Beziehung führt.

Evangelium. Bei Evangelisation geht es um die Versöhnung mit und Wiederherstellung einer Beziehung mit Gott. Es geht also weniger um die Übermittlung von Informationen, als darum, Menschen mit Jesus zusammen zu bringen. Folglich ist die beste Art das Evangelium weiter zu geben, in Beziehung: Das Evangelium wird am besten ausgedrückt, nicht durch unsere bloßen Worte, sondern dadurch, wie wir anderen gegenüber Christus widerspiegeln, und wie wir Gnade in unserem Leben demonstrieren. Wie es in einem alten Lied heißt: „sie werden uns als Christen durch unsere Liebe erkennen“. Wir sind die Bibel, die sie lesen. Was wir kommunizieren und wie wir es weitergeben, bei beidem geht es um Beziehung. Das bedeutet natürlich nicht den Verzicht auf Predigt und Lehre, aber es versetzt diese Dinge in den Kontext: Wir vermitteln die Wahrheit durch unsere Beziehungen zu anderen, damit sie ihr Herz für eine Beziehung mit Gott öffnen. Beziehungsorientierte Evangelisation beschränkt sich nicht auf die individuelle Errettung, sondern adressiert auch die größeren sozialen Zusammenhänge. Jesus tat dies durch seine Gute Nachricht für die Armen.

Der Dienst Jesu bestand nicht nur aus Sündenvergebung, sondern umfasste alle Aspekte unseres Mensch-seins: Physische (Heilung der Kranken), mentale (Austreiben von Dämonen), moralische (Sündenvergebung), und soziale (sich kümmern um die Armen und Geringsten) Aspekte. Genauso müssen wir das Evangelium verstehen, als eine Hinwendung zu Menschen, sowohl als Individuen, wie auch als Menschen innerhalb der Gesellschaft um ihre ganze Identität in Christus zu adressieren. Das Evangelium ist genau wie wir, zur gleichen Zeit persönlich und gesellschaftlich. Deshalb ist ein beziehungsorientiertes Verständnis von Evangeli­sation nicht allein die Beschäftigung mit der persönlichen Errettung, sondern beinhaltet auch die Erlösung in einem größeren, gesellschaft­lichen und sozialen Zusammenhang – die Er­lösung der gesamten Schöpfung.

Vorherbestimmung. Als Menschen sind wir zu einer Beziehung mit Gott vorherbestimmt. Dafür wurden wir geschaffen. Ebenso sollte der Begriff der Auserwählung in Sinn von Beziehung verstanden werden. Als ein Zeichen der Liebe Gottes. Wir sind Gottes begehrte, ausgesuchte, umworbene Braut. Im Beziehungs-Kontext liest sich Römer 8 dann wie folgt: Weil er uns von Mutterleib an gebildet hat, kennt Gott uns bis in unser Innerstes (vorher erkannt). Er hat uns dazu bestimmt, zu ihm zu kommen – durch Jesus – und in sein Bild geformt zu werden (vorherbestimmt), und so hat uns Gott gerufen und zieht uns durch Gnade (berufen). Gott macht uns „richtig“ indem wir aus unserer Entfremdung herausgenommen und in Beziehung gesetzt werden (gerechtfertigt). Und durch diese Beziehung sind wir verherrlicht. Es geht also bei der Vorherbestimmung nicht um das Voraussagen oder die Festlegung unserer Zukunft, sondern um Gottes liebevolle Absicht, indem er uns für Beziehung geschaffen hat, und um die intime und persönliche Kenntnis seiner geliebten Schöpfung.

Gott. Letztlich bedeutet Allmacht, dass wir Gott vertrauen können. Es bedeutet nicht, dass nichts Schlimmes passieren kann und auch nicht, dass Gott pedantische Kontrolle ausübt. Es bedeutet einfach, dass auch wenn wir in dieser Welt Schwierigkeiten haben, wir darauf vertrauen können, dass Gott größer als unsere Dunkelheit ist. Gottes Allwissenheit bedeutet, dass Gott uns durch und durch kennt. Er kennt unsere Herzen besser als wir selbst. Allgegenwart bedeutet, dass Gott da ist, mit uns, in uns, näher als nah. Es bedeutet, dass wir niemals alleine sind. Wie es der Psalmist ausruft: „Wohin soll ich gehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.“

Göttlichkeit Christi. Bei der Menschwerdung geht es um Gottes Selbstoffenbarung seines Wunsches eine Beziehung zu uns zu haben. Es geht um persönliche Selbstöffnung, mit dem Ziel uns in Beziehung zu bringen. Es macht deutlich, dass Gott mit uns ist, in unsren Zweifeln, Leiden und sogar unserem Boshaftigkeit (od. Elend?). Gott ist mit uns, Immanuel.

Dreieinigkeit. Jemand bezeichnete das Thema Dreieinigkeit als so komplex und heikel, dass man sich der Gefahr der Häresie aussetze, wenn man auch nur zwei Minuten darüber spräche. Der Hauptaspekt der Dreieinigkeit ist Beziehung. Sie verdeutlicht, dass liebende Beziehung ein inhärenter Aspekt der Gottheit ist. Beziehung ist Teil von Gottes Natur. Die Dreieinigkeit beschreibt auch wie Gott hauptsächlich mit uns Menschen in Beziehung tritt, als Vater, Sohn und Geist. Es geht bei der Dreieinigkeit nicht um eine komplexe mathematische Formel – eine Art göttlicher pythagoräischer Lehrsatz – sondern um die Erkenntnis, dass sich alles um Beziehungen dreht. – Das Wesen Gottes und wie Gott mit uns in Beziehung tritt.

Die gesamte Schrift aus dem Blickwinkel einer Theologie der Beziehung zu beleuchten, wäre eine große Aufgabe. Aber ich hoffe, dass schon die obigen kleinen Skizzen als Katalysator für weitere Nachforschungen dienen. Egal ob in der Bibel die Sprache des Gerichtshofs (Recht­fertigung), des Sklavenmarkt (Befreiung) oder auch der Botanik („am Weinstock bleiben“) genutzt wird, im Kern geht es immer um Beziehungen.

Beziehung ist das Leitmotiv, durch das alle Schrift und Lehre verstanden werden sollte.